Wie die Wiener carsharing verwenden – eine Datenanalyse

“Free floating cars”, also Autos, die in einer Stadt verteilt auf Parkplätzen auf ihre temporären Besitzer warten, erfreuen sich wachsender Beliebtheit – auch in Wien. Zahlreiche Anbieter versorgen den lokalen Markt bereits mit Wägen, darunter auch der Platzhirsch aus Deutschland, car2go. Was car2go interessant macht ist nicht nur das Service an sich, sondern auch eine für jedermann zugängliche API, die es erlaubt, den aktuellen Standort der Autos zu erfragen, samt Zusatzinformationen wie zB. Tankfüllung. An insgesamt 147 Tagen von Mitte April bis Mitte September 2016 habe ich stündlich mitgeloggt, welche Autos wo verfügbar sind um damit die entscheidende Frage zu beantworten: Wie verwenden die Wiener carsharing?

Insgesamt gibt es in ganz Wien verteilt rund 680 car2go. Um 18 Uhr sind durchschnittlich die meisten Autos gleichzeitig unterwegs, nämlich 198. Um 6 Uhr früh erreicht die Nutzung mit 53 Autos ihren täglichen Tiefpunkt, über den Tag verteilt sieht das Nutzungsbalkendiagramm wie folgt aus:

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Wenig überraschend lässt sich hier der typische Tageszyklus der Wiener ablesen: Zwischen 7 und 9 Uhr geht es mit dem Auto ins Büro, die Nutzung lässt über die Mittagszeit leicht nach und erreicht um 18 Uhr mit dem Heimreiseverkehr den Höhepunkt des Tages. Um dieses Diagramm noch zu verfeinern, können neben den Stunden auch die Wochentage hinzugefügt werden.

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Je oranger die Fläche, desto stärker die Nutzung, je blauer, desto schwächer. Auch hier ist die morgendliche und abendliche rush hour unter der Woche deutlich sichtbar, interessant ist der sprunghafte Anstieg der Nutzung am Samstagen ab 10 Uhr sowie die Tatsache, dass mehr Autos zwischen Dienstag und Mittwoch in Zeit von 2 bis 6 Uhr früh unterwegs sind als an Montagen, Donnerstagen oder Freitagen. Wenig überraschend ist die Nutzungsverteilung an Sonntagen deutlich gleichmäßiger als dies an anderen Tagen der Fall ist, die Intensivnutzung setzt erst zwischen 11 und 12 Uhr ein und dauert bis 22 Uhr an.

Geographisch gesehen trifft man im 19. und 22. Bezirk auf die meisten car2go, hier warten durchschnittlich jeweils 44 freie Autos auf neue Fahrer. Verwunderlich ist das nicht, ist doch Donaustadt flächenmäßig der größte Bezirk Wiens. Rechnet man die Fläche des Bezirks mit ein, so sind der 1. und 5. Bezirk jene Stadtteile, mit der höchsten car2go-Dichte, am schwierigsten wird man ein freies Auto im 23. Bezirk finden.

Bleibt eine wichtige Frage offen: Gibt es neben dem Wochentag und der Zeit noch andere Faktoren, die die car2go Nutzung beeinflussen? Könnte es etwa sein, dass das Wetter eine Rolle spielt, die Wiener also beispielsweise bei Regen eher zum Mietauto greifen? Das nachfolgende Liniendiagramm zeigt die Autonutzung (orange – rechte Y-Skala. Die Lücken sind auf temporäre Serverausfälle zurückzuführen) zwischen April und September im Vergleich zur in diesem Zeitraum gefallenen Regenmenge (blau – linke Y-Skala in mm):

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Getreu dem Spruch „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts“ gibt es keine lineare Korrelation zwischen der Autonutzung und der Regenmenge, der Korrelationskoeffizient liegt gerade einmal bei 0,07. Ähnlich verhält es sich bei allen anderen Wettervariablen wie etwa der Temperatur (Korrelationskoeffizient  0,11), wie im nachfolgenden Diagramm zu sehen ist. Ganz unabhängig von der Jahreszeit sind die Nutzungsgewohnheiten aber nicht: Im Juni 2016 gab es im Vergleich zum Mai einen Nutzungsanstieg von 6% auf durchschnittlich 131,83 gleichzeitig genutzte Autos. Im Juli und August fiel dieser Wert auf 114,15. Worauf diese Schwankungen zurückzuführen sind, lässt sich ohne weiteres nicht sagen, denkbar wäre aber, dass die Wiener das bessere Wetter bzw. die häufiger stattfindenden Outdoor-Events im Juni nutzen, sich im Juli und August aber auf Urlaub und damit nicht in Wien befinden.

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Auch Feiertage scheinen die Nutzung zu beeinflussen, wenngleich es mehr Daten bedürfte, um die Signifikanz zu testen. Christi Himmelfahrt und Pfingsten sind mögliche Erklärungen für peaks im Mai, andere Spitzen Ende Juni und Anfang September lassen sich jedoch keinem Feiertag zuordnen und sind schwieriger zu erklären.


Christian Vorhemus
… ist Autor, Softwareentwickler und Consultant.
Seine Interessensgebiete reichen von Cloud Computing und verteilte Systeme über IT Security bis zu Datenanalyse.

2 thoughts on “Wie die Wiener carsharing verwenden – eine Datenanalyse

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